Leben nach Brustkrebs: Was trägt, wenn das Leben plötzlich anders verläuft?

Gedanken über Gesundheit, Normalität und meine Erfahrungen nach einer Brustkrebserkrankung

Der Brustkrebsmonat Oktober macht jedes Jahr auf Brustkrebs, Früherkennung und die Situation betroffener Frauen aufmerksam.

Für mich hat dieser Oktober eine zusätzliche, sehr persönliche Bedeutung. Denn ich betrachte das Thema heute nicht mehr nur als Gesundheitswissenschaftlerin und Gesundheitsberaterin, sondern auch als Frau, die selbst an Brustkrebs erkrankt ist.

Eine solche Diagnose kann von einem Moment auf den anderen vieles verändern.

Was vorher selbstverständlich erschien, ist es plötzlich nicht mehr. Der eigene Körper, die Gesundheit, der Alltag und auch der Blick auf die Zukunft bekommen eine andere Bedeutung.

Und irgendwann taucht häufig ein großer Wunsch auf: Endlich wieder Normalität.

Aber was bedeutet Normalität nach einer Brustkrebserkrankung eigentlich? Und muss das Ziel wirklich sein, möglichst schnell wieder dort anzukommen, wo wir vorher waren?

Wenn das Leben plötzlich andere Fragen stellt

Diese Fragen haben für mich in den vergangenen Monaten eine neue Bedeutung bekommen.

Nach meiner Brustkrebsdiagnose und der anschließenden Behandlung habe ich vieles wieder aufgenommen, was schon vorher Teil meines Lebens war: meine Arbeit, Bewegung, meine Routinen, gutes Essen, Begegnungen mit Menschen und Dinge, die mir Freude machen.

Und darüber bin ich sehr froh.

Gleichzeitig erlebe ich, dass eine Erkrankung nicht unbedingt an dem Tag endet, an dem die eigentliche Behandlung abgeschlossen ist.

Der Körper braucht Zeit. Die Belastbarkeit ist vielleicht noch nicht wieder dieselbe. Manche Beschwerden bleiben länger als erwartet. Und auch wenn nach außen vieles längst wieder normal aussieht, kann sich die eigene Normalität noch ganz anders anfühlen.

Auch ich merke, dass manches längst wieder selbstverständlich funktioniert, während ich an anderer Stelle mehr Regeneration brauche als früher.

Gesundheit ist kein Leistungsprojekt

Gerade wenn wir uns intensiv mit Gesundheit beschäftigen, kann schnell der Eindruck entstehen, wir müssten nur alles „richtig“ machen: uns gesund ernähren, ausreichend bewegen, genügend schlafen, Stress reduzieren und die richtigen Routinen etablieren.

All diese Dinge können unsere Gesundheit unterstützen. Aber sie geben uns keine Garantie.

Gesundheit ist keine Garantie. Und Krankheit ist kein persönliches Versagen.

Diese Unterscheidung ist mir wichtig – persönlich und in meiner Arbeit als Gesundheitswissenschaftlerin und Gesundheitsberaterin.

Prävention bedeutet für mich deshalb nicht, Krankheiten verhindern zu können. Sie bedeutet, die Faktoren, die wir beeinflussen können, möglichst gut zu gestalten und gleichzeitig anzuerkennen, dass Gesundheit von sehr viel mehr abhängt als von unserem persönlichen Verhalten.

Wir können Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen, ohne zu glauben, alles kontrollieren zu können.

Und wir können gut für uns sorgen, ohne Gesundheit zum nächsten Optimierungsprojekt zu machen.

Vielleicht ist deshalb gerade in herausfordernden Lebensphasen eine andere Frage wichtiger:

Was unterstützt mich in meiner aktuellen Lebensphase wirklich?

Zurück ins Leben – aber nicht unbedingt zurück zu vorher

Nach einer Erkrankung hören wir häufig den Satz: „Jetzt kehrt hoffentlich bald wieder Normalität ein.“

Der Wunsch dahinter ist verständlich.

Wieder arbeiten. Freunde treffen. Sport machen. Pläne schmieden. Reisen. Und sich endlich wieder mit den ganz normalen Dingen des Lebens beschäftigen.

All das kann unglaublich guttun.

Aber zurück zur Normalität muss nicht automatisch bedeuten, wieder genauso zu leben und zu funktionieren wie vorher. Unser Alltag folgt häufig einem Takt, der von außen bestimmt wird: Termine, Arbeitszeiten, Familie, Verpflichtungen und Erwartungen.

Unser Körper folgt nicht immer diesem Zeitplan.

Schlaf, Bewegung, Ernährung, Regeneration, hormonelle Veränderungen, Erkrankungen und unterschiedliche Lebensphasen beeinflussen unsere Energie und unsere Belastbarkeit.

Und trotzdem erwarten wir von uns häufig eine erstaunliche Konstanz: gleiche Leistung, gleiches Tempo, gleiche Verfügbarkeit.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, zwischendurch andere Fragen zu stellen:

  • Was tut mir heute gut?
  • Was kostet mich mehr Energie als früher?
  • Wo brauche ich mehr Regeneration?
  • Und was ist mir so wichtig, dass ich meine Energie ganz bewusst dafür einsetzen möchte?

Müdigkeit, veränderte Konzentration oder eine geringere Belastbarkeit müssen dabei nicht automatisch etwas sein, das wir möglichst schnell überwinden oder wegoptimieren müssen. Sie sind zunächst Informationen unseres Körpers.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, Beschwerden selbst medizinisch einzuordnen. Neue, anhaltende oder ungewöhnliche Beschwerden sollten unbedingt ärztlich abgeklärt werden – insbesondere während oder nach einer Krebserkrankung.

Aber wir können lernen, unseren Körper wieder stärker in unsere Entscheidungen einzubeziehen.

Einen Gedanken finde ich dabei besonders wichtig:

Nicht jede schwierige Erfahrung muss zu einer großen persönlichen Transformation führen.

  • Man muss nach einer Krebserkrankung nicht plötzlich ein anderer Mensch sein.
  • Man muss nicht sein ganzes Leben infrage stellen.
  • Und man muss auch nicht dankbar dafür sein, was man durch die Erkrankung vermeintlich gelernt hat.

Manchmal möchte man schlicht zurück ins Leben.

Das geht mir nicht anders. Und trotzdem kann es sinnvoll sein, auf diesem Weg hin und wieder zu prüfen:

  • Was möchte ich genauso wieder aufnehmen?
  • Was passt vielleicht nicht mehr?
  • Welche Grenzen möchte ich ernster nehmen?
  • Und wo darf weniger tatsächlich genug sein?

Nicht aus Angst oder übertriebener Vorsicht, sondern weil Gesundheit mehr bedeutet als medizinische Befunde allein. Sie zeigt sich auch darin, wie wir unseren Alltag erleben und gestalten können.

Von der Gesundheitswissenschaftlerin zur Patientin

Als Gesundheitswissenschaftlerin und Gesundheitsberaterin beschäftige ich mich seit vielen Jahren damit, wie Menschen ihre Gesundheit stärken und auch in herausfordernden Lebensphasen gut für sich sorgen können.

Meine eigene Brustkrebserkrankung hat diese Perspektive nicht grundsätzlich verändert. Vieles von dem, was ich aus meinem Studium, meiner beruflichen Erfahrung und aus der Begleitung anderer Menschen kannte, hat sich für mich bestätigt.

Gleichzeitig ist eine Perspektive hinzugekommen, die ich vorher so nicht kannte: die einer Patientin.

Ich weiß heute auch aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich viele medizinische Informationen eingeordnet werden müssen. Wenn Entscheidungen getroffen werden sollen. Wenn der Körper nicht einfach dem gewünschten Zeitplan folgt.

Und wenn das Leben gleichzeitig weitergeht.

Diese zusätzliche Perspektive empfinde ich auch für meine Arbeit als Gesundheitsberaterin als wertvoll. Nicht, weil meine Art, mit einer Brustkrebserkrankung umzugehen, ein Vorbild oder eine Anleitung für andere sein soll. 

Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen, Ressourcen, Erfahrungen und Bedürfnisse mit. Aber fachliches Wissen und persönliche Erfahrung kommen für mich heute an einer Stelle zusammen, an der ich vorher nur eine Seite kannte.

Und vielleicht beschäftigt mich deshalb eine Frage heute noch stärker:

Wie können wir unsere Gesundheit aktiv mitgestalten und gleichzeitig akzeptieren, dass wir sie niemals vollständig kontrollieren können?

Für mich beginnt die Antwort nicht mit der perfekten Ernährung, dem perfekten Trainingsplan oder der perfekten Morgenroutine. Sondern damit, wahrzunehmen, was gerade ist und daraus einen guten nächsten Schritt abzuleiten.

Der Brustkrebsmonat Oktober erinnert daran, wie wichtig Aufklärung, Früherkennung und eine gute medizinische Versorgung sind.

Für mich erinnert er in diesem Jahr noch an etwas anderes: daran, dass Gesundheit nicht nur eine Aufgabe ist, die wir möglichst gut erfüllen müssen.

Wir können vieles für unsere Gesundheit tun. Wir können Vorsorge und Früherkennung ernst nehmen, uns bewegen, ausgewogen essen, ausreichend regenerieren und Hilfe annehmen, wenn wir sie brauchen.

Und gleichzeitig dürfen wir anerkennen, dass sich nicht alles kontrollieren lässt.

Vielleicht gehört auch das zu einem guten Umgang mit Gesundheit:

aufmerksam mit dem eigenen Körper umzugehen, ohne ständig gegen ihn zu arbeiten

und immer wieder neu herauszufinden, was in der jeweiligen Lebensphase gerade trägt.

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